Wir sind wohl keine Freunde

Das Zimmer war zu eng.

Silas stand vor seinem Bett, die Arme vor der Brust verschränkt.
Ich stellte mich ihm gegenüber.

Unsere Füße berührten sich fast.

„Was?“, sagte ich.

Er seufzte.
Verdrehte die Augen.

Dann begann er zu reden.

Von Selbstzerstörung.
Davon, dass ich mir mein eigenes Grab schaufelte.
Dass ich gerade noch einmal davongekommen war.

Dass er es nur gut meinte.

„Arme-Sohn-Nummer? Ernsthaft?“

Ich wusste nicht, wann ich angefangen hatte zu schreien.
Nur, dass ich nicht mehr aufhören konnte.

Es tat weh.

Diese ganze verlogene Scheiße tat weh.

Und ich hatte keine Ahnung,
wie ich das aushalten sollte.

Jedes Jahr aufs Neue.

Ich sagte Dinge, die ich nicht sagen wollte.

Zu viel.

Immer zu viel.

Und während ich sprach, wusste ich,
dass ich ihm gerade genau das gab,
was ich ihm nie geben wollte.

Als ich fertig war, war es still.

Zu still.

„Was kümmert es dich überhaupt, was ich tue oder nicht,
wir sind schließlich keine Freunde.“

Er zuckte zurück.

Ich hätte aufhören können.

Tat ich nicht.

„Freunde erzählen sich Dinge.
Sie teilen Geschichten.
Gefühle.“

Ich schluckte.

„Ich weiß von dir noch nicht einmal,
ob du Vanilleeis
oder Schokoladeeis isst.“

Stille.

Dann, leise:

„So gesehen hast du recht.“

Ein Atemzug.

„Wir sind wohl keine Freunde.“


Mehr sagte er nicht.


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